Wenn man die Medienberichterstattung über den Amokläufer Tim K. intensiv studiert, so ist bezeichnend, wie verquer und unzureichend über die wahren Hintergründe, die zu der Tat des Mörders führten, berichtet wird. Da hieß es z.B. bei T-Online* : Schwäbisches Vorzeigeleben, Idyll, ein beneidenswertes Leben, Eltern sind fassungslos etc.
War es wirklich ein beneidenswertes Leben, das die Familie K. führte?
Wenn
K., wie von diversen Medien behauptet, in einer intakten Familie tatsächlich aufgewachsen wäre, so wäre er niemals zum Massenmörder geworden. Fakt ist, dass derjenige tötet, dessen Seele in der Kindheit getötet wurde. Wer dagegen als Kind in Liebe, Aufmerksamkeit und Achtung durch die Eltern aufwächst, wird NIEMALS zum Mörder. Sein Gehirn ist gar nicht in der Lage Gewaltausdruck zu erfassen. Die Fähigkeit eines gesunden (sprich ohne Gewalt durch die Eltern aufgewachsenen) Menschen besteht darin, zu fühlen und Empathie zu entwickeln, sich sozial und friedlich zu artikulieren.
Zusammenhang von Kindesmisshandlungen und Gewaltbereitschaft längst bewiesen
Die Neurowissenschaft hat längst bewiesen und publiziert, dass wer in seiner Kindheit Gewalt und Vernachlässigung ausgesessen war, schwere bis irreversible Schäden im Gehirn davonträgt. Anhand von Röntgenfotos von Mördern kann man sehen, wie Areale im Gehirn deformiert wurden (Quellen: Alice Miller, Irene Behermann, Gerhard Roth, Lloyd deMause, www.emak.org/artikel/artikel.htm ). Insbesondere die Bereiche, die für das Fühlen und Empfinden zuständig sind, werden durch Gewalterlebnisse in der Kindheit nachhaltig belastet. Das frühkindlich schwer traumatisierte Menschen zum Massenmörder werden besteht ebenso, wie das sie zu Rauschgiftsüchtigen, Alkoholikern, psychosomatisch Kranken oder Zwangsgestörten werden können.
Kein Helfender Zeuge
Ob jemand tatsächlich zum Massenmörder wird, hängt vor allem auch davon ab, ob und inwieweit ein Helfender Zeuge (Begriff vor allem von der Kindheitsforscherin www.alice-miller.com genannt) in der Kindheit des Opfers zu finden ist. Fehlt dieser Zeuge, ist dieser wie in einem Käfig seine Kindheit hindurch Gewalt und seelischer & physischer Vernachlässigung ausgesetzt, ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, das er irgendwann in seinem Leben zum Mörder wird. Diese Menschen sind in der tat gehirngeschschädigt, sie sind unfähig zu fühlen, zu empfinden, sie sind sehr krank, bisweilen depressiv, oder psychotisch. Ein Gewaltakt als Jugendlicher oder Erwachsener ist letztendlich eine Wiederholung, ein Aus-druck, ein Racheakt, dessen Ursachen in erlittenen und verdrängten Kindheitstraumatisierungen zu finden ist; und diese Gewalt wird in der Regel durch die eigenen Eltern ausgeübt!
Es stellt sich die Frage, welche Traumatisierungen hat Tim K. durch seine Eltern erlitten? Die Medien gehen auf diese Frage mitnichten ein, es wurde nicht nachgefragt, recherchiert, geprüft. Es ist untragbar wenn nicht gefährlich, das die Medienvertreter keinen Blick hinter die Fassaden der Schwäbischen Vorzeigefamilie gerichtet haben, wird dadurch doch die Chance vertan, die Motive und Hintergründe, die zu den Bluttat führten, aufzudecken. Die Frage ist, warum? Wer hat hier Angst vor wem?
Unschuld der Eltern?
Statt die Beziehung zwischen den Eltern und ihren Sohn Tim K. kritisch zu hinterfragen, werden die armen Eltern, mit Abstand von einigen Tagen nach der Tat ihres Sohnes, teils als Unschuldslämmchen dargestellt. Es wird jetzt so getan, als trügen sie keinerlei Schuld daran, dass ihr Sohn 15 Menschen tötete. Kein Medienberichterstatter hat dieses Schwäbische Vorzeigeleben hinterfragt. Würden sie das Familienidyll aber intensiv, kritisch und sorgfältig tun, so würden sich vermutlich diese Fakten aufzeigen: Gewalt, Vernachlässigung, Kälte, Gefühlsunfähigkeit.
Familie als Keimzelle der Gewalt
Die Vermutung liegt nahe, dass die Eltern des Tim K. ihren Sohn dazu gemacht haben (im Sinne von Gewalt) wie er heute dasteht: Als ein Massenmörder, der unrühmlich in die Geschichte der Bundesrepublik eingeht. Die Familie, und das zeigt sich immer wieder und wird auch in den Medien publiziert, ist eine Brutstätte von Gewalt und Terror. Sie ist Keimzelle, in der potentielle Mörder und seelisch Verkrüppelte heran-erzogen werden.
Gewalt gegen Kinder ist Normalität
Es werden Kinder, trotz eindeutiger Gesetzeslage die diese eigentlich schützen sollten, weiterhin geschlagen, sexuell missbraucht, beleidigt, gedemütigt, genötigt, gehänselt.
Die Folgen der Gewalt gegen Kinder, die sich unter anderem durch Koma-Saufen und Gewaltausbrüche ausdrücken, sind Indize dafür, das es mit den Schutz der Kinder vor gewaltbereiten Eltern nichts getan ist.
Kinderrechte stärken
Doch was tun, um Gewalt zu verhindern? Die einzige wirksame Präventionsmaßnahme ist es, Gewalt gegen Kinder zu stoppen und die Fakten über die dramatischen Folgen von Kindesmisshandlung auf breiter Front zu veröffentlichen. Der Schutz der Kinder vor gewalttätigen Eltern ist in der Summe der effektivste Schutz der Bevölkerung vor Taten von Wahnsinnigen wie Tim K. Geliebte, behütete Kinder werden niemals zu Verbrechern. Auch wenn dieses ein langer Weg ist, er würde sich auf Dauer für alle lohnen: den Kindern und Jugendlichen, uns Erwachsenen und schließlich der Gesellschaft.
Alice Miller:
- Revolte des Körpers; Suhrkamp 2004, gebunden, ca. 206 Seiten
- Evas Erwachen - Über die Auflösung emotionaler Blindheit; Suhrkamp 2001, gebunden, 182 Seiten
- Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst
Eine Um- und Fortschreibung; Suhrkamp 1996, Suhrkamp Taschenbuch 2653,175 Seiten
- Abbruch der Schweigemauer; Hoffmann und Campe 1990, 3. überarb. Aufl. 1996; Suhrkamp TB 3497, revidierte Neuauflage 2003
- Der gemiedene Schlüssel; Suhrkamp (1. Aufl. 1988), erweiterte und revidierte Nachauflage 1996 mit zahlreichen Abbildungen, gebunden und Suhrkamp Taschenbuch 1812, 193 Seiten
- Das verbannte Wissen; Suhrkamp (1. Aufl. 1988), revidierte Auflage 1995, Suhrkamp Taschenbuch 1790, 260 Seiten
- Du sollst nicht merken. Variationen über das Paradies-Thema; Suhrkamp (1. Aufl. 1981), Suhrkamp Taschenbuch 952, letzte Aufl. 1998, 410 Seiten
- Am Anfang war Erziehung; Suhrkamp (1. Aufl. 1980), gebunden und Suhrkamp Taschenbuch 951, letzte Aufl. 1998, 322 Seiten
- Das Drama des begabten Kindes; Suhrkamp (1. Aufl.1979), letzte Aufl. 1999
Andere Autoren
- Fritz Zorn: Mars; Fischer (Tb.), Frankfurt; Auflage: 24., Aufl. (Dezember 1999)
- Arthur Janov: Anatomie der Neurose
- Konrad Stettbacher. Wenn Leiden einen Sinn haben soll. Hoffmann u Campe Vlg. GmbH (1990)
- Hermann Hesse: Kinderseele. Suhrkamp; Auflage: 12., Aufl. (6. September 2007)
- Michel Odent: Die sanfte Geburt
- Jean C. Jenson: Die Lust am Leben wieder entdecken. Eine Selbsttherapie.
- Irene Behrmann: Zurück ins Leben. Erfahrungen mit der ambulanten Regressionstherapie
- Manfred Bieler: Still wie die Nacht - Memoiren eines Kindes. Roman
- Jeffrey M. Masson: Die Abschaffung der Psychotherapie. Ein Plädoyer
- Alexander Markus Homes: Von der Mutter missbraucht. Frauen und die sexuelle Lust am Kind
- Norbert Denef: Ich wurde sexuell Missbraucht
- Lloyd deMause: Das emotionale Leben der Nationen
- Monika Gerstendörfer: Der verlorene Kampf um die Wörter Opferfeindliche Sprache bei sexualisierter Gewalt. Ein Plädoyer für eine angemessenere Sprachführung
- Christiane Rochefort: Die Tür dahinter; Suhrkamp
- Florence Rush: Das Bestgehütete Geheimnis. Sexueller Kindesmissbrauch. Orlanda Frauenverlag
- Elisabeth Trube-Becker: Missbrauchte Kinder. Sexuelle Gewalt und wirtschaftliche Ausbeutung; Kriminalistik Verlag
- Lloyd DeMause: Hört ihr die Kinder weinen. Eine psychogenetische Geschichte der Kindheit; Suhrkamp Verlag
- Carl-Heinz Mallet: Untertan Kind. Nachforschungen über Erziehung; Ullstein
- Luise Armstrong: Kiss Daddy Goodnight. Aussprache über Inzest; Suhrkamp Verlag
- Nathalie Schweighoffer: Ich war zwölf; Bastei Verlag
Presse-Information: Pressebüro Nord
Willi Schewski
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