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Wissenschaft & Forschung

Schwammen Riesensalamander im Ur-Rhein?

Fehlgedeuteter Fund eines fossilen Riesensalamanders aus der Gegend von Öhningen am Bodensee
Fehlgedeuteter Fund eines fossilen Riesensalamanders aus der Gegend von Öhningen am Bodensee
Bei Grabungen an der weltbekannten Fossilienfundstelle Eppelsheim in Rheinhessen wäre noch viel zu entdecken.

 

PR-Inside.com: 2017-11-08 16:04:29
Eppelsheim / Mainz – Sind im Ur-Rhein vor rund 10 Millionen Jahren auch mehr als 1 Meter lange räuberische Riesensalamander der Art Andrias scheuchzeri geschwommen? Diese Frage wirft der Wiesbadener Wissenschaftsautor Ernst Probst auf, der sich in mehreren Büchern mit der exotischen Tierwelt von Eppelsheim und anderen berühmten Fundstellen am Ur-Rhein in Rheinhessen befasst hat.

Der Riesensalamander Andrias scheuchzeri spielt in der Geschichte der Paläontologie, der Wissenschaft von den Lebewesen und Lebewelten der geologischen Vergangenheit, eine wichtige Rolle. 1726 beschrieb der Schweizer Arzt und Naturforscher Johann Jacob Scheuchzer (1672-1733) diese Amphibienart erstmals als „Homo diluvii testis“ („der die Sintflut bezeugende Mensch“). Irrtümlicherweise deutete er ein 1725 bei Öhningen am Bodensee entdecktes Fossil als Skelett eines sündigen Menschen aus der Zeit vor der Sintflut. Er bezeichnet den Fund als „Beingerüst eines verruchten Menschenkindes, um dessen Sünde willen das Unglück über die Welt hereingebrochen sei“.


Bald wurden Zweifel an der phantasievollen Deutung von Scheuchzer laut. Der Schweizer Naturforscher Johannes Gessner (1709-1790) vermutete 1758, es handle sich um fossile Reste eines Welses (Silurus glanis). Dagegen deutete der niederländische Arzt Peter Camper (1722-1789) diesen Fund als Eidechse. 1802 kaufte der niederländische Arzt und Naturforscher Martinus van Marum den Original-Fund aus der Gegend von Öhningen für das „Teylers Museum“ in Haarlem (Niederlande).

Einige Jahre später stattete der berühmte französische Naturforscher Georges Cuvier (1769-1832) dem Museum in Haarlem einen Besuch ab. Er durfte das Fossil aus Öhningen genau untersuchen und konnte dabei die noch im Gestein verborgenen Knochen der vorderen Gliedmaßen freilegen. Cuvier erkannte die wahre Natur des Tieres als Amphibium.

Als wissenschaftlicher Erstbearbeiter gilt heute der Schweizer Naturforscher, Botaniker, Paläontologe und Pharmazeut Friedrich Holl (1790-1870), der die Art als Salamandra scheuchzeri wissenschaftlich gültig beschrieb. Ungefähr zur gleichen Zeit machte der bayerische Arzt, Japan- und Naturforscher Philipp Franz von Siebold (1796-1866) erste Exemplare des heutigen Japanischen Riesensalamanders bekannt. Nun fiel die

Ähnlichkeit der heute lebenden Art aus Ostasien mit den Fossilfunden aus Europa auf. 1837 führte der Schweizer Naturforscher und Forschungsreisende Johann Jakob von Tschudi (1818-1889) den Gattungsnamen Andrias ein. Deswegen heißt der Riesensalamander bei Öhningen zu deutsch „Scheuchzers Menschenbild“.

Die Kopf-Rumpf-Länge von Andrias scheuchzeri erreichte mehr als 1 Meter. Der Schädel war maximal ungefähr 25 Zentimeter lang. Im Oberkiefer befanden sich 60 bis 110 Zähne, im Unterkiefer 65 bis 101. Die Vorderbeine hatten vier Zehen, die Hinterbeine fünf.

Fossile Reste des Riesensalamanders sind an vielen Fundstellen in Deutschland geborgen worden. Aus dem Chattium (28,1 bis 23,03 Millionen Jahre) stammen die Funde von Rott bei Hennef (Nordrhein-Westfalen) und Oberleichtersbach (Nordbayern). Ins Burdigallium (20,44 bis 15,97 Millionen Jahre) datiert man die süddeutschen Funde von Illerkirchberg, Ringingen-Frontal, Langenau, Eggingen-Mittelhart. Dem Langhium (15,97 bis 13,82 Millionen Jahre) rechnet man den Nachweis von der Fundstelle „Hambach 6C“ (Nordrhein-Westfalen) zu. Ins Serravallium (13,82 bis 11,62 Millionen Jahre) stellt man die Funde von Öhningen, Kirchheim in Schwaben und Zeilarn. Zum Tortonium (11,62 bis 7,24 Millionen Jahre) gehören die Funde von Mörgen, Tiefenried, Derndorf, Eppishausen. Dem Tortunium rechnet man auch die Fossilien aus den rund 10 Millionen Jahre alten Fundstellen am Ur-Rhein (Westhofen, Eppelsheim, Bermersheim, Gau-Weinheim, der Wissberg bei Gau-Weinheim, der Steinberg (Napoleonshöhe) bei Sprendlingen) sowie aus Österreich (Götzendorf, Mataschen, Vösendorf-Brunn) zu. Das Tortonium ist nach der Stadt Tortona in der Provinz Alessandria, Region Piemont (Italien), benannt. Aus der Zeit vor rund 3 Millionen Jahren ist der Riesensalamander aus Willershausen (Niedersachsen) nachgewiesen.

Bei Grabungen an der weltbekannten Fossilienfundstelle Eppelsheim wäre noch viel zu entdecken. Erstmals könnten dort außer Resten von Riesensalamandern auch Fossilien von weiteren Affen und Menschenaffen sowie Vögeln (Flamingos, Papageien, Trogons und Mausvögel) ans Tageslicht geholt werden. Außerdem sind interessante Erkenntnisse über den Klimawandel möglich. Vor rund 10 Millionen Jahren war es nämlich nicht mehr so warm wie vor 20 Millionen Jahren, andererseits aber wärmer und feuchter als heute. Palmen und Krokodile gab es am Ur-Rhein nicht mehr.

Presseinformation
Autor Ernst Probst
Im See 11, 55246 Mainz-Kostheim

Ernst Probst
Journalist und Autor
049/6134/21152
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internet-zeitung.blogspot.com


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