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Wirtschaft & Industrie

Viele Patienten in der Apotheke stöhnen über Arzneimittel-Rabattverträge - AOK-Verträge ab 1. Juli «scharfgestellt» Von Verena Schmitt-Roschmann

Neue Runde im «Pille-Wechsle-Dich»


© AP

(PR-inside.com 30.06.2009 13:33:03)

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Berlin (AP) Wutschnaubend griff sich die Patientin ihr Rezept wieder und marschierte zur Tür. Auf einmal sollte sie nicht mehr ihr gewohntes Magenmittel bekommen, sondern die gleiche Arznei, aber von einem anderen Hersteller. «Das alte darf ich Ihnen nicht mehr geben», warb die Apothekerin um Verständnis. Die Kundin konnte sie trotzdem nicht aufhalten. Diese Schikane wollte die Frau sich nicht bieten lassen. Die kleine Geschichte, die
eine Berliner Apothekerin dieser Tage erzählte, ist nur eine von vielen. Viele Kassenpatienten sind genervt, weil sie sich immer wieder auf andere Präparate einstellen müssen. Hintergrund sind die Sparbemühungen der Krankenkassen. Ab (dem morgigen) Mittwoch geht das «Pille-Wechsle-Dich» für Millionen von AOK-Patienten in eine neue Runde. Denn zum 1. Juli endet die Übergangsfrist für die neuen AOK-Rabattverträge und damit auch der Ermessensspielraum für die Apotheker. Zwtl: Kostenbremse nötig Seit 2007 nutzen die Krankenkassen immer stärker die Kostenbremsen, die ihnen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt an die Hand gegeben hat. Aus Sicht der Kassen ist das wegen der rasant steigenden Arzneimittelausgaben auch bitter nötig. 2008 wandten sie für Pillen, Salben und Infusionen bereits 28,4 Milliarden Euro auf. Da die Kassen aus dem neuen Gesundheitsfonds nur noch monatlich eine fixe Summe bekommen, kann eine Kostenexplosion schnell bedrohlich werden. Die AOK hat deshalb gegen den erbitterten Widerstand einiger Pharmahersteller ein bislang einzigartiges Rabattmodell durchgeboxt: Sie vergab Einzelverträge für insgesamt 63 sehr häufig verschriebene Wirkstoffe. In fünf unterschiedlichen Gebieten bekam jeweils nur ein Hersteller pro Wirkstoff den Zuschlag, teils aber auch derselbe in mehreren Gebieten. Von den 315 Einzelverträgen mit 22 Bietern erhofft sich die AOK-Verbund insgesamt bis zu 500 Millionen Euro Einsparungen pro Jahr. So darf zum Beispiel für die nächsten zwei Jahre der Hersteller KSK für die gesamte AOK bundesweit das Magenmittel Omeprazol liefern. Der Hersteller Winthrop übernimmt für den gesamten AOK-Markt mit 24 Millionen Versicherten die Versorgung mit dem Blutdrucksenker Ramipril, einem ähnlichen Kassenschlager wie Omeprazol. Allerdings hatte KSK nach Angaben aus Branchenkreisen bislang einen bundesweiten Marktanteil bei Omeprazol von unter 0,1 Prozent. Das heißt: Praktisch kein AOK-Patient hat das Mittel bislang von diesem Hersteller bekommen - alle müssen sich auf etwas Neues einstellen. Zwtl: Wechsel eigentlich unbedenklich Grundsätzlich sind sich Ärzte, Apotheker und Krankenkassen einig, dass ein solcher Wechsel medizinisch unbedenklich ist. Die Rabattverträge gelten ohnehin nur für wirkstoffgleiche Arzneien, die von mehreren Herstellern zu teils sehr unterschiedlichen Preisen auf dem Markt sind. Teils sehen die neuen Präparate aber anders aus, sowohl in der Verpackung als auch in Form oder Farbe der Tablette. Teils ist der Handhabe unterschiedlich, wenn zum Beispiel eine Tablette geteilt werden muss und der eine Hersteller eine Sollbruchstelle einbaut und der andere nicht. Und einige Patienten sind wohl auch schlicht misstrauisch, weil sie bereits mehrere Pillen-Wechsel hinter sich haben - entweder wegen der Vorläufer-Rabattverträge bei der AOK oder der diversen anderen Sparregeln für Medikamente, etwa der Aut-Idem-Regel oder den Zuzahlungsbefreiungen. «Jeder zweite Patient fängt an zu argumentieren», sagt eine entnervte Apothekerin aus Süddeutschland. Einige Kunden sagen demnach schlicht: «Das nehme ich nicht. Zwtl: Zusatzkosten durch Sparbremse Einige Experten warnen deshalb, dass durch die Sparbremse zusätzliche Kosten entstehen könnten, nämlich wenn die immer noch sehr teuren Rabattpillen von den Patienten nicht geschluckt, sondern gebunkert werden. «Die Compliance ist nicht die beste», sagt zum Beispiel Peter Schmidt vom Verband Pro Generika. Er zitiert eine Schätzung, wonach die «ungenügende Therapietreue» das Gesundheitswesen bis zu zehn Milliarden Euro pro Jahr kostet. Allerdings gehören der Verband und seine Mitgliedsfirmen naturgemäß auch zu den entschiedensten Gegnern der Rabattverträge, die dramatisch die Preise drücken und den Pharmamarkt kräftig durchschütteln dürften. Wer einen AOK-Vertrag bekommen hat, so beschreibt Schmidt die Lage der Hersteller, steht am Abgrund, weil er nichts mehr verdiene. Wer aber keinen AOK-Vertrag hat, der fürchtet den Untergang, weil ihm ein riesiges Marktsegment von regional bis zu 40 Prozent für die nächsten zwei Jahre fehlt. www.aok.de www.abda.de www.progenerika.de

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