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Wirtschaft & Industrie

Bistum Magdeburg liquidiert Gero-Gruppe - Ex-Mitarbeiter: «Das ist eine Katastrophe»

Millionenfiasko bei Kirchenfirmen



(PR-inside.com 01.07.2009 17:39:03) - «Das Bistum trägt uns» heißt ein Leitbild der Magdeburger Gero
AG. Diese Sicherheit dürfte teuer werden für die katholische Kirche
in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Brandenburg. Die kircheneigene Gero
AG und mit ihr verbundene Firmen haben nach ddp-Recherchen in den
vergangenen fünf Jahren knapp 100 Millionen Euro verloren.

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Magdeburg (ddp-lsc). «Das Bistum trägt uns» heißt ein Leitbild der Magdeburger Gero AG. Diese Sicherheit dürfte teuer werden für die katholische Kirche in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Brandenburg. Die kircheneigene Gero AG und mit ihr verbundene Firmen haben nach ddp-Recherchen in den vergangenen fünf Jahren knapp 100 Millionen Euro verloren. Die bischöfliche Vermögensverwaltung geht zurückhaltender von Verlusten «im deutlichen zweistelligen
Millionenbereich» aus. Von ehemals mehr als 80 Mitarbeitern haben als Folge der Krise bisher rund 40 ihren Arbeitsplatz verloren. Ein ehemaliger Kirchenmitarbeiter sagte der Nachrichtenagentur ddp: «Das ist eine Katastrophe für das Magdeburger Bistum». Deren Firmengruppe wird nun, wie der erst 2008 ins Unternehmen geholte Alleinvorstand Frank Meyer betont, «so seriös wie möglich abgewickelt". Erst danach dürfte das ganze Ausmaß des Desasters deutlich werden, da etliche Firmen noch enorme Verbindlichkeiten mit sich herumschleppen, die am Ende auf das Bistum zurückschlagen könnten. Der Firmenname Gero jedenfalls wird verschwinden. «Es bietet sich nicht an, ihn weiter zu benutzen», befindet Meyer, der bereits etliche der Altlasten beseitigt hat. Mit dem Namen seien «zu viele negative Dinge verbunden». Dass Kirchen im Wirtschaftsleben mitmischen, ist üblich. Bei ihren Geschäften können sie sich auch auf ihre großen Vermögen stützen, die großenteils in Immobilien, Boden, Aktien und Beteiligungen angelegt sind. Den Gesamtwert der kirchlichen Vermögen bezifferte der Politologe und Buchautor Carsten Frerk für das Jahr 2001 mit 980 Milliarden Euro. Mit diesen Sicherheiten im Rücken verdienen sie etwa mit Hotels, kirchlichen Reisediensten, Versicherungen, Bauunternehmen und Siedlungswerken genannten Immobilienunternehmen Millionen. Nach der Wende legte sich das damals eigenständig gewordene Bistum Magdeburg mit dem Siedlungswerk St. Gertrud 1993 ein Unternehmen zu, das «unter Bindung an kirchliche, soziale und familiengerechte Ziele» arbeiten sollte. Geschäftsführer wurde Norbert D., unter dem sich das Siedlungswerk lange Jahre unauffällig entwickelte. Eine Wende wurde offenbar eingeleitet, als das Bistum seine Geschäfte vom Jahr 2001 an neu ordnete. Die im Zuge der Neustrukturierung geschaffene Gero AG sollte den Großteil der Kirchenfirmen «strategisch koordinieren». Vorstand wurde Norbert D., der sich zur Unterstützung den Banker Dirk N. an Bord holte. Beide lehnten unter Hinweis auf Verschwiegenheitspflicht Stellungnahmen gegenüber ddp ab. N. führte später auch die Tochtergesellschaft Gero Beteiligungs-, Treuhand- und Verwaltungsgesellschaft (Gero BTV), über die die Kirchengeschäfte nach und nach eine massiv ausgeweitet wurden. Als der Bau des Hundertwasserhauses in Magdeburg an der Finanzierung zu scheitern drohte, sprang Gero BTV ein. Mit 9,6 Millionen Euro Eigenkapital und 17,6 Millionen Euro von der NordLB wurde die Gero BTV-Tochter Centum Aqua Immobilien zum Bauherren des 2004 anlaufenden Projekts. Eine kostspielige Entscheidung. Wiederholt fuhr die Firma Jahresfehlbeträge in Millionenhöhe ein. Die Verbindlichkeiten wuchsen bis Ende 2007 auf 24,5 Millionen Euro an. Gero BTV musste für 16,5 Millionen Euro bürgen. Das Bistum gab gegenüber der NordLB eine Patronatserklärung ab. Mit anderen Worten: Egal, wie sich das Projekt entwickelt - das Bistum muss für den Millionenkredit geradestehen. Auch dem Biotechnologie-Trend wollten die Gero-Manager folgen. Sie pumpten zwölf Millionen Euro in eine Beteiligung an dem Start-up-Unternehmen Meltec. Dessen Experten analysierten die Protein-Netzwerke von Zellen in der Hoffnung, mit ihren Erkenntnissen innovative Medikamente entwickeln zu können. Aufgrund der entscheidungsfeindlichen Beteiligungsstruktur geriet die Firma in die Krise. Inzwischen arbeitet dort nur noch der Geschäftsführer - auch er wickelt sein Unternehmen ab. Ebenso ergeht es der SkinSysTec, die als Dienstleister die Meltec-Patente verwerten sollte. Sie wird liquidiert. Die Arbeitsplätze sind weg. Die Gero-Gruppe hat mit diesen Firmen insgesamt gut 14 Millionen Euro verloren. Nach Insiderangaben legte Gero-Aufsichtsrat Helmut H. Seibert, Vorstand der Volksbank Magdeburg, wegen des Meltec-Geschäfts sein Mandat nieder. Seibert äußert sich dazu nicht. Zu einem Reinfall wurde auch das kirchliche Engagement im Biopark Gatersleben, einem Vorzeigeprojekt des Landes. Die Beteiligung (49 Prozent) der Gero-Tochter Futura an der BGI Biopark Infrastrukturgesellschaft wurde damals gerade in Kirchenkreisen kritisch beäugt. Im Biopark wird auch die sogenannte Grüne Gentechnik, die genetische Veränderung von Pflanzen, betrieben. Dennoch brachte Futura zu den 13 Millionen Euro öffentlicher Fördermittel noch einmal rund drei Millionen an Eigenkapital in das Projekt ein. Trotz dieses Einsatzes kriselt es im Biopark, auch wegen leerstehender Büro- und Laborräume. 2007 war ein Fehlbetrag von einer Million Euro nicht durch Eigenkapital gedeckt, die Verbindlichkeiten überschritten die Fünf-Millionen-Euro-Grenze. Die Gero-Investitionspalette war in diesen Jahren breit. Die Unternehmensführung gründete zwölf Windanlagen-, Biomasse- und Biogasfonds. Die Idee war damals, berichtet ein Insider, «richtig große Anlagefonds zu etablieren». Auch dieser Plan erwies sich als Flop. Kirchengelder flossen in Aktien und in US-Immobilienfonds, die teilweise Abschreibungen in Millionenhöhe nötig machten. Gero machte riskante Swap-Geschäfte und arbeitete mit von Wechselkursen abhängigen Fremdwährungsdarlehen. Das Unternehmen gründete einen eigenen Data Dienst und beteiligte sich an einer - inzwischen insolventen - Beratungsfirma. Hinweise auf Gefahren der Geschäftsentwicklung gab es nach Angaben von Ulrich Krah, dem Leiter des bischöflichen Vermögensamtes, lange nicht. Der Nachrichtenagentur ddp teilte er mit, weder Dirk N. als zuständiger Risikomanager, noch Wirtschaftsprüfer hätten bis 2008 «konkrete Warnungen an die Aufsichtsgremien oder den Gesellschafter gegeben, die das Ausmaß der späterhin festgestellten unternehmerischen Fehlentwicklung hätten erkennen lassen können». Erhebliche Bedenken gegen die Geschäftsführung aber hat es im Aufsichtsrat, dem auch Krah von 2004 bis Anfang dieses Jahres angehörte, mehrfach gegeben. Nach Berichten von Mitarbeitern kam es wegen der Geschäftspolitik 2006 zum Krach zwischen Vorstand und Banker Seibert, der auf Bitten des Bistums in das Gremium zurückgekehrt war und den Vorsitz übernommen hatte. Das Ergebnis: Seibert legte sein Mandat zum zweiten Mal nieder. Dennoch dauerte es noch einige Zeit, bevor die Gesellschafter Konsequenzen zogen. Gero-Vorstand Norbert D. verließ das Unternehmen im März 2008. Gegen ihn ist beim Landgericht Magdeburg eine Schadensersatzklage anhängig. Dirk N. wurde Ende 2008 gekündigt. Er klagt auf Wiedereinstellung. (ddp)


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